Blickpunkt TA
Die Transaktionsanalyse lebt!
von Fanita English
Etwa seit 1900 setzte sich in der westlichen Welt die Erkenntnis durch, dass unser rationales Ich oft von unbewussten, irrationalen Gefühlen und Gedanken bestimmt wird. Um mehr Klarheit über das Unbewusste zu gewinnen, entwickelte Freud die Psychoanalyse, die sich als äußerst fruchtbare psychologische Forschungsmethode erwies. Im Laufe der Zeit zeigte es sich jedoch, dass sie zur Therapie seelischer Probleme für die meisten Menschen zu langwierig und dadurch zu teuer war.
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts versuchten daher immer mehr Psychoanalytiker, ihre psychologischen Behandlungsmethoden zu verbessern und zu verkürzen, indem sie sich mit ihren Klienten auf deren gegenwärtige Probleme konzentrierten. (Worum geht es aktuell? Was stört? Was kann verbessert werden?) Diese Therapeuten kannten den Einfluss des Unbewussten und ihnen war klar, dass viele unserer irrtümlichen Annahmen aus der Kindheit stammen. Statt jedoch "historisch" vorzugehen, wollten sie ihre Klienten dabei unterstützen, ihre Missverständnisse aus der Kindheit mit Hilfe ihrer erwachsenen Einsichten zu erkennen und zu korrigieren. So würden sie in Zukunft ein besseres Leben führen können. Viele Therapeuten arbeiteten sehr erfolgreich, denn ob Psychotherapie gelingt, hängt nicht nur von der Methode ab, sondern auch von der persönlichen Beziehung zwischen Therapeut und Klient.
In dieser Situation entstanden vielerorts neue Theorien und Therapiemethoden. Das waren, um nur einige zu nennen, in Österreich die Logotherapie von Viktor Frankl, in Frankreich die Theorie von Jacques Lacan, in der Schweiz die Daseinsanalyse von Ludwig Binswanger und in Deutschland die Gestalttherapie von Fritz Perls. In den USA entwickelte Carl Rogers die Humanistische Psychologie, Albert Ellis die Rational-Emotive Verhaltenstheorie, Aaron Beck die Kognitive Verhaltenstherapie und Eric Berne die Transaktionsanalyse.
Warum ist die Transaktionsanalyse nun – und davon bin ich zutiefst überzeugt – so viel effektiver als die anderen Therapiemethoden? Ein wesentlicher Grund ist, dass Berne als Erster im Ich drei getrennte Systeme unterschied: Kind-Ich, Erwachsenen-Ich und Eltern-Ich. Diese Systeme entstehen in jedem von uns zwar chronologisch nacheinander, im Ich jedes Erwachsenen existieren sie jedoch gleichzeitig und nebeneinander. Während die anderen Methoden sich um die Unterscheidung von Gedanken und Gefühlen bemühen, wissen wir dank der TA, dass Gefühle und Gedanken miteinander verknüpft sind, dass jedoch in jedem Erwachsenen drei Kategorien davon existieren, die den drei Ich-Zuständen entsprechen. Jeder von uns kann sich im selben Moment, je nach den Umständen, im Kind-, Eltern- oder Erwachsenen-Ich befinden. Manchmal kämpfen diese Ich-Zustände in uns miteinander. Wenn ein bestimmter Punkt in der Therapie erreicht ist, kann die Therapeutin sich mit dem Erwachsenen-Ich des Klienten verbünden und beide können dann gemeinsam auf die vom Klienten gewählten Ziele hinarbeiten.
Nachdem Berne ab 1964 seine Bücher zur Transaktionsanalyse publiziert hatte, machten David Kupfer und Bob Goulding die neue Theorie mit ihren Einführungskursen zuerst in Kalifornien und dann auch in anderen nordamerikanischen Staaten bekannt. In der Folge kam es zu einer Welle der Begeisterung für die TA. Allerdings wurde, wie es oft in Amerika geschieht, der wissenschaftliche Ansatz aufgrund dieses großen Enthusiasmus viel zu schnell popularisiert, u. a. vielleicht weil Berne darauf bestand, dass alle schriftlichen und mündlichen Erklärungen zur TA auch einem 12-jährigen Kind verständlich sein müssten. (Damit rebellierte er gegen die wissenschaftliche Sprache der Psychoanalytiker, die zu dieser Zeit in Amerika sehr einflussreich waren, und die auf ihn herabsahen, seitdem er abtrünnig geworden war.)
Bald zeigte es sich, dass die TA nicht nur für die Psychotherapie geeignet war, sondern ebenso für alle anderen Berufe, die auf gute Kommunikation angewiesen sind. Denn wenn man die zwischenmenschlichen Transaktionen untersucht, anstatt den anderen (oder sich selbst) sofort zu "analysieren" oder zu beschuldigen, lassen sich Missverständnisse und Ärger oft schnell aus dem Weg räumen. (Aus diesem Grund bezeichnete Berne die TA als Sozialpsychiatrie, im Gegensatz zur Psychoanalyse, die den einzelnen Menschen im Blick hat.)
Berne und der Psychologe David Kupfer (Flüchtling aus Berlin, der in Kalifornien Bernes enger Mitarbeiter wurde) erkannten außerdem bald, dass die TA sich für alle Kulturen eignete. So gründeten sie die "International Transactional Analysis Association" (ITAA) mit dem Ziel, die TA überall – auch in der dritten Welt und in Kreisen der Politik – zu verbreiten. Dies war ein sehr ehrgeiziger Plan, denn die TA war zu dieser Zeit nur in Kalifornien (also nicht einmal in ganz Amerika) bekannt. Doch Berne war überzeugt, dass seine Methode nun ihren Siegeszug in der Welt antreten würde. Damit wollte er den ihn verachtenden Psychoanalytikern beweisen, dass er ein besserer Freudianer war als sie (denn leider war der Blick seines genialen Erwachsenen-Ich teilweise durch eine kindliche Sicht getrübt). Berne war auch überzeugt, besser zu sein als Ellis und Beck, ja besser als alle Theoretiker und Therapeuten der Welt. Um die brauchte man sich seiner Meinung nach als Transaktionsanalytiker nicht zu kümmern. Sie alle würden zu uns kommen! Leider ist diese kindlich-arrogante Sichtweise auch ein Teil des Erbes, das Berne uns zusammen mit seiner genialen Theorie hinterlassen hat.
1970 starb Berne plötzlich im Alter von nur 60 Jahren an einem Herzinfarkt, und auch David Kupfer erlag bald danach einem Krebsleiden. Das von ihnen nur wenige Jahre zuvor gegründete TA-Institut in Carmel, Kalifornien, starb mit ihnen und die von Berne ins Leben gerufenen TA-Seminare in San Francisco endeten ebenfalls bald nach seinem Tod. Das war eine Tragödie für die neu gegründete Schule! Dennoch: Obgleich die ITAA zur Zeit von Bernes Tod nicht mehr als ca. 200 Mitglieder hatte, kamen zu den Konferenzen in San Francisco in den 70er- und 80er Jahren bis zu 10.000 Teilnehmer! Dazu trug zweifellos das sehr populäre Buch von Tom Harris "I’m Okay, You’re Okay" bei, das 1970 erschien und schnell zum Bestseller wurde. Plötzlich sprach jeder in Amerika von "strokes" (Streicheleinheiten) als wichtigstem Kommunikationsmittel, und vom "inneren Kind".
Albert Ellis (1913-2007) und Aaron Beck (*1921), beide nur wenig jünger als Berne, konnten ihre Theorien über viele Jahrzehnte entwickeln. Ungeachtet der theoretischen Unterschiede zwischen ihnen fasste man ihre Methoden unter der Bezeichnung "Kognitive Verhaltenstherapie" zusammen. Diese gewann im Gegensatz zur Psychoanalyse, die sich nur Reiche leisten konnten, immer mehr an Bedeutung. Später wurde sie als "Gesprächstherapie" bezeichnet und vielfach angewandt; mit ihrer Hilfe, so hieß es, könne man dem Klienten die Einnahme von Antidepressiva und anderen Psychopharmaka ersparen. Die Transaktionsanalyse hingegen wurde in diesem Zusammenhang nicht erwähnt.
Sowohl Ellis und Beck hatten also rund vier Jahrzehnte mehr Zeit als Berne, um den praktischen therapeutischen Nutzen ihrer Methoden nachzuweisen. Während dieses Zeitraums hielten sich die Anhänger der Transaktionsanalyse stolz abseits von den Vertretern der kognitiven Therapie und meist auch abseits der Hochschulen, wo die anderen Methoden unterrichtet wurden. (Damit folgten sie dem Beispiel von Freud, der den Universitätsbetrieb auch abgelehnt hatte.) Wenn also die jungen Psychologen heute auf den Universitäten ausgebildet werden, lernen sie "Kognitive Therapie" nach Ellis und Beck, über die Transaktionsanalyse hingegen erfahren sie kein Wort – ein großer Nachteil für die TA, was die Möglichkeiten der Weitergabe an jüngere Generationen anlangt!
Wie ging es nun weiter mit der Transaktionsanalyse, in den USA und im Rest der Welt? Im Folgenden möchte ich einige persönliche Erlebnisse schildern und meinen persönlichen Standpunkt wiedergeben. Wie bereits erwähnt, brachte ich in den 60er Jahren zusammen mit einigen Kollegen die TA nach Chicago. Dann zog ich nach Philadelphia um und gründete dort im Jahr 1970, also noch zu Lebzeiten von Berne, mein eigenes Institut. Berne gratulierte mir damals brieflich. Nur wenige Monate später starb er. Dennoch hielt sich in den USA das Interesse an der TA eine gewisse Zeit und einige Kollegen und ich wurden häufig eingeladen, Seminare in verschiedenen Staaten der USA zu leiten.
Im Jahre 1972 erhielt ich dann meine erste Einladung aus Deutschland, nachdem ich zuvor einer deutschen Gruppe im Rahmen eines Gestalt-Seminars in Jugoslawien die TA vorgestellt hatte. Dank Michael Paula gab ich danach einen Einführungskurs in München und einen in Hamburg. Bald erreichten mich weitere Einladungen aus Europa (Frankreich, Österreich, Schweiz und Italien). Im Jahre l978 wurde das Odenwald-Institut gegründet und ich hielt dort regelmäßig neun Seminare im Jahr ab. Mit der Zeit wurden an diesem Institut immer mehr TA-Seminare angeboten, die auch von anderen Personen geleitet wurden. Die Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse wurde gegründet.
Im Oktober 1977 kam mein Sohn im Alter von 31 Jahren durch einen Unfall ums Leben. Dieses tragische Ereignis und eine Reihe anderer Umstände veranlassten mich, mein Institut in Philadelphia 1981 zu schließen und einige Jahre ausschließlich in Europa zu arbeiten, wo ich zahlreiche TA-Seminare gab. Diese richteten sich nicht mehr nur an Therapeuten, sondern auch an Organisationsentwickler. Außerdem war ich für die Trainingsabteilungen zahlreicher Unternehmen tätig.
In den 80er und 90er Jahren kam es zur Gründung vieler nationaler TA-Organisationen in Europa und Lateinamerika mit jeweils eigenen Zeitschriften. Dann entstand die EATA, die europäische TA-Organisation, und andere Dachorganisationen, wie z.B. in England (für Großbritannien, Australien und Neuseeland). Dies war an und für sich eine positive Entwicklung, die allerdings den Nachteil hatte, dass das Interesse der Mitglieder dieser Nationalen TA-Organisationen an der Internationalen Gesellschaft für TA (ITAA) stark nachließ. Die ITAA verlor viele zahlende Mitglieder, u. a. weil viele sie irrtümlich als rein US-amerikanische Organisation ansahen. Doch die ITAA selbst vernachlässigte in dieser Zeit ihre amerikanischen Mitglieder, um sich hauptsächlich mit der dritten Welt zu beschäftigen. Dadurch ist die TA heute weltweit bekannt. Außerdem verfügt die ITAA über eine sehr gute internationale Zeitschrift (TA Journal) die viermal im Jahr erscheint, und über eine monatlich erscheinende internationale Zeitung (Script) mit Nachrichten aus der ganzen Welt.
1993 entschloss ich mich, meinen Wohnsitz nach Kalifornien zu verlegen, wo meine Tochter lebt. Das bedeutete, dass ich nicht länger regelmäßig nach Europa reisen konnte. (Von dort beträgt die Flugzeit nach Frankfurt oder Paris vierzehn Stunden, während es von Philadelphia aus nur sechs Stunden sind.) Als ich nach San Francisco kam, entdeckte ich dann zu meinem Entsetzen Folgendes: Während sich die TA in der Zwischenzeit in der ganzen Welt verbreitet hatte, war sie in ihrem Geburtsland Kalifornien fast völlig verschwunden. In Kalifornien (wie fast überall in den USA) waren der TA drei Generationen von Studenten verloren gegangen, denn in den letzten beiden Jahrzehnten hatte man an den Universitäten zwar die kognitiven Therapien von Beck und Ellis unterrichtet, nicht aber die Transaktionsanalyse. So schien die Ära der TA in den USA vorüber zu sein!!!
Zwar gab es in den USA eine kleine Gruppe von TA-Anhängern, die sich jährlich in Jamaika traf, dabei handelte es sich jedoch eher um einen Freundeskreis, denn sie verfolgte nicht das Ziel, Transaktionsanalyse zu lehren. Als Hindernis erwies sich außerdem, dass es in jedem der 50 Bundesstaaten der USA eigene Regeln gibt, wie man die Anerkennung als TherapeutIn erwerben kann, mit Examina, denen die internationalen TA-Prüfungen lange Zeit nicht entsprachen. Die jungen Therapeuten entschieden sich also – schon aus finanziellen Gründen – für diejenigen Kurse, durch die sie die staatliche Anerkennung erwerben konnten.
Erst seit dem Jahr 2000 organisiert die kleine nordamerikanische TA-Gruppe Kurse, die in den USA anerkannt sind, um auf diese Weise neue Mitglieder für die US-TA-Gesellschaft (www.USATAA.org) zu gewinnen. So haben wir endlich wieder zu wachsen begonnen. Vor zwei Jahren fand sogar ein erfolgreicher TA-Kongress (mit Beteiligung der ITAA) in San Francisco statt.
Zur Frage nach der Bedeutung von TA in der Welt kann ich jetzt sagen: Die TA entwickelt sich in den verschiedenen Regionen unterschiedlich. Doch sie ist zweifellos noch immer sehr wichtig für viele Menschen in der Welt und ständig kommen neue Länder dazu! So ist z. B. im Iran eine kleine TA-Gruppe entstanden und in verschiedenen Teilen von Russland. In Japan und Südkorea ist TA inzwischen weit verbreitet, vor allem aber in Indien, wo in allen Teilen des Landes viele Gruppen existieren. In den USA war die Bedeutung der Methode stark zurückgegangen, gegenwärtig wächst sie jedoch wieder.
Viele TA-Gruppen veranstalten einmal im Jahr Kongresse, der wichtigste davon ist der jährliche Kongress der ITAA, der in wechselnden Ländern stattfindet (2008 in Südafrika, 2009 in Peru). Doch was das Wichtigste ist: Die TA zieht bis heute kreative, neugierige Menschen an. So können wir – obgleich wir nach wie vor etwas isoliert sind (TA wird z. B. noch immer nicht an den Universitäten gelehrt) – stolz darauf sein, dass wir eine bedeutsame, wirkungsvolle Methode zur Verbesserung der zwischenmenschlichen Kommunikation vertreten, die für viele Menschen sehr wichtig war und mit der wir auch in Zukunft vielen Klienten hervorragend helfen können.
Fanita English
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